Die Entscheidung des Lebens

Das Leben in der technisierten, westlichen Welt, ist so komplex, dass es die feinfühligen Menschen unter uns permanent überfordert. Ich spüre das sehr deutlich seit ca. 15, 16 Jahren daran, dass ich so Vieles einfach nicht schaffe, was unseren Alltag im Westen bestimmt, will ich meinen persönlichen Bedürfnissen treu sein.

Ich rede hier von meiner Psycho-Hygiene, die ich täglich betreibe, weil ich sonst mit meiner inneren Entwicklung nicht Schritte halten kann. Ich brauche sehr viel Zeit, um das, was in meiner Praxis zutage tritt, angemessen zu würdigen. Täte ich es nicht, könnte ich auch aufhören, zu meditieren. Dann sperrte ich nur wieder einen Deckel auf den Topf oder stopfte einen Korken auf die Flasche, anstelle zu bereinigen, was zu bereinigen ist und zu stärken, was zu stärken ist.

Dafür habe ich vor 15, 16 Jahren eine bewusste Entscheidung getroffen, zu der ich mich täglich neu entscheide, zu stehen.

Das alltägliche Leben läuft weiter und weiter. Ich kann mich nicht meinen Pflichten entziehen, die diese Gesellschaft von mir verlangt, etwa einen Wohnsitz zu haben, dafür Miete zu zahlen und eine Krankenversicherung. Oder für den dafür notwendigen Job einen langen Arbeitsweg und viele Mühen auf mich zu nehmen usw. usf.

So lebe ich täglich in einem Konflikt, zwischen Pflicht und Kür, den Notwendigkeiten und dem, was mir wirklich wichtig ist. Und ich bemerke täglich in meiner Arbeit, dass ich damit nicht allein stehe: Wir müssen hier sehr viel, um dieses Leben genießen zu können. Und manchmal geht uns damit Raum und Zeit verloren, wirklich unseren Herzen zu folgen.

Daneben gibt es noch unser persönliches Schicksal, unsere Familientragödien und emotionalen Schmerzen, die das Menschsein allgemein mit sich bringt. Und je »flexibler« wir im Job sein müssen, je »professioneller« einem bestimmten Leitbild der Firma wir folgen müssen, desto mehr sperren wir uns selbst aus.

Wie viel Raum und Zeit bleibt tatsächlich noch, um »einfach ich« zu sein? Nicht also den Kopf mit erneutem Wissen vollzustopfen, um da draußen mithalten zu können und im Arbeitsleben zu bestehen? Sondern ganz ruhig zu fühlen, was da in mir so los ist und zu bemerken, wie ich wirklich bei mir bin? Wie wenig ich eigentlich von dem brauche, was ich und andere mit unserer täglichen Arbeit produzieren und hervorbringen?

Meiner Beobachtung nach zwingt diese Lebensart hier uns ungefähr Mitte zwanzig dazu, eine grundlegende Entscheidung zu treffen. Ich musste sie treffen - und bei anderen bemerke ich auch, dass sie etwa zur gleichen Zeit eine entscheidende Krise erleben. Manche auch etwas später. Doch spätestens Anfang dreißig ist sie vorbei.

Ich rede hier nicht von der Midlife-Crisis. Ich rede von der frühen Entscheidung, mit offenen Herzen und allen daraus resultierenden Empfindlichkeiten zu leben. Oder es eben für lange Zeit zu verschließen.

Durch eine Begegnung in der Arbeit fühlte ich mich wieder daran erinnert, wie schwer ich diese Zeit für mich erlebt habe. Dieses innere Ringen, von dem man nicht weiß, woher er es kommt und worum es eigentlich geht. Und, je nach Lebensumständen, genau in dieser Zeit, äußere Erlebnisse mit den Menschen, die einem am Herzen lagen, die einen plötzlich zwingen, sich für oder gegen sie zu entscheiden.
Doch eigentlich geht es gar nicht um die Menschen, die aufzugeben oder weiter zu begleiten quasi nur der äußerlich sich manifestierende Nebeneffekt ist. Es geht vielmehr um die Frage, ob ich mein Leben mit Herzschmerzen leben und weiter gestalten will, oder nicht.

Ich hatte die Tage eine Begegnung mit jemandem, den ich in genau dieser Krise erkannte: Er erzählte mir, dass er sich entscheiden musste, ob er weiter nach der Arbeit nicht abschalten kann, oder die Arbeit in der Arbeit lässt. Weil die Geschichten und Schicksale, denen er in seiner Arbeit täglich begegnet, ihn bis tief in den Feierabend begleitet und beschäftigt hatten, konnte er sich nicht erholen. Er sagte, das machte ihn einfach fertig, also hat er sich entschieden, ab sofort die Gefühle abzuschalten. Seither gelingt es ihm hervorragend, sich in seiner Freizeit zu erholen.

Doch was für einen Preis zahlt er dafür, ohne es zu bemerken? Was für Folgen hat es, sein Herz einfach zu verschließen?


Ich kenne die Symptome inzwischen sehr gut: Solche Menschen sind blaß, beinahe grau. Sie wirken meist gehetzt, wie auf der Flucht. Sie haben keine Zeit und nehmen sich keine Zeit. Ihre Augen schauen merkwürdig teilnahmslos. Sie reden sehr sachlich über etwas, wo andere in Tränen ausbrechen würden.

So sagte diese Person auch: Er ist selbst überrascht, wie gut das eigentlich geht, seine Gefühle komplett abzuschalten. Und, da wir in der Arbeit sprachen und ich ihm meine Wahrnehmung seiner Arbeit mitteilte, sagte er: »Also, wenn ich nach mir gehen würde, täte ich es so und so. Aber ich habe mir vorgenommen, mich nur auf dies und das zu konzentrieren.«

Ich sagte: »Gehe doch bitte nach dir und handle nicht, wie jemand anderes. Es gibt nichts Wertvolleres, als dich selbst mit in deine Arbeit einzubringen. Dann gehst du auch zufrieden und erfüllt nach Hause. So erlebe ich das.«

»Nein«, meinte er, »Ich wollte es so machen, wie es von mir verlangt wird.«

Hier brauchen wir uns über die Symptome schon nicht mehr weiter unterhalten. Denn genau das, was er getan hatte, nämlich sein Herz abzuschalten und nichts mehr zu fühlen, erlöste ihn von diesem Konflikt, beruflichen Anforderungen genügen zu müssen und zusätzlich noch alles Menschliche zu verarbeiten. Ja, empathisch veranlagte Menschen, wie er, müssen tatsächlich doppelte Arbeit tun: Leistung bringen, wie der Arbeitgeber will und alle Empfindungen verarbeiten, um der eigenen Psycho-Hygiene willen.

Sich gegen das Empfindungsvermögen zu entscheiden, ist der einfachere Weg.  Ja, es funktioniert tatsächlich, das Herz einfach abzuschalten. Die schmerzhaften Dinge einfach nicht mehr an sich heran lassen, von jetzt auf gleich umschalten und vergessen. Und am nächsten Tag wieder funktionieren.


»Pass auf, dass es nicht dein ganzes Leben lang andauert.«, sagte ich zu ihm. »Wenn du nicht aufpasst, bleibt das für immer so.«  Diese Bemerkung konnte ich mir nicht verkneifen, selbst auf die Gefahr hin, dass er in diesem Moment dachte: »Wovon redet sie da?«. Er kann nicht wissen, dass dies in meinen Augen das größte Unglück für sein Leben bedeutet. Den kompletten Verlust des Zugangs zu seiner Herzensreinheit nämlich, seiner Menschlichkeit, dem Mitempfinden, der natürlichen Ethik, wie gutes Zusammenleben funktioniert.

Doch er hatte so viele private Gründe, ein Schicksal, von dem er sich überfordert fühlt. Und zusätzlich die Verlustängste, in unserer Firma nicht fest übernommen zu werden und nicht »alles in den Griff zu bekommen«.


Schwupps, Herz zu - und auf einen Schlag hat er nun mehrere Sorgen weniger.

Ich kann es ihm nicht verdenken und verstehe ihn sehr gut. Denn, wie eingangs erwähnt, so Vieles im Leben »habe ich nicht im Griff«. Ich habe mich gegen das Funktionieren und für mein empfindsames Herz entschieden. Damals, als ich nicht wusste, warum ich am Leben so leide und vieles für mich so unerträglich war. Durch diese Entscheidung allein verschwindet der Anspruch dieser Gesellschaft aber nicht aus meinem täglichen Leben, zu funktionieren. Und »alles im Griff zu haben«.

Gerade heute reflektierte ich darüber, dass ich in diesem Dauerkonflikt nun an die 16 Jahre lebe. Für meine innere Entwicklung, die tägliche Psycho-Hygiene, das deutliche Aktivieren meines Herzens tue ich von manchem nur das Allernötigste. Und ich übe sehr viel Geduld mit allen Gedanken, die immer wieder von mir verlangen, dies doch in Ordnung zu bringen und mich um das zu kümmern. Sie tauchen regelmäßig auf, weil ich mit so vielen Menschen täglich zu tun habe, die »ihr Leben«, nach den Maßgaben unserer Gesellschaft anscheinend »hervorragend im Griff haben«. Sicher fühlen sie sich von diesen Gedanken genauso verfolgt, wie ich. Und manchmal überkommt es mich, zu denken: »Wenn die wüssten, wie ich das handhabe, was würden sie wohl von mir denken...? Dass ich komplett verrückt bin?«

Ja, in ihren Augen wäre ich das vielleicht sogar: verrückt. Doch ich will den Preis des geschlossenen Herzens eben nicht zahlen, nur dafür, mit ihnen vergleichbar »alles im Griff zu haben«.

Und ich sagte noch zu ihm: »Ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist, aber du hast in den 15 Minuten, die wir jetzt miteinander sprechen, mindestens viermal gesagt: ‚Ich muss das in den Griff bekommen!‘ - musst du das denn wirklich?« Nach einer kleinen Pause setzte ich fort: »Du wirkst auf mich so, als wärst du auf der Flucht. Als gäbe es da etwas in der Zukunft, wo du unbedingt jetzt gleich ganz dringend hin musst. Das ist dein Kopf. Aber kommt dein Körper da wirklich mit?«
»Materie ist träge und braucht Zeit, sich umzustellen, sich an sich verändernde Umstände und Ereignisse (Stressoren) anzupassen. Und so ist es meiner Erfahrung nach auch mit dem Fühlen. Man mag es zwar abschalten können, wenn man will. Aber spätestens dann, wenn du dich doch wieder entscheidest, zu fühlen, werden die unverarbeiteten, weg gesperrten Gefühle ihr Recht auf Aufmerksamkeit fordern. Und dann kann es passieren, dass es dir erst richtig schlecht geht.«

Und dies erwähnte ich gerade deshalb, weil er in den letzten paar Wochen gesundheitliche Probleme hatte.

Zu meinen Aufgaben in der Arbeit gehören solche Gespräche eigentlich nicht. Und so sagte ich nicht noch mehr dazu. Im Verlauf unseres Gesprächs hatte ich regelrecht Herzschmerzen bekommen.
Es gäbe so viel, um das er ehrlich trauern müsste. So viel Enttäuschung und Entsetzen darüber, wie Menschen sein können.  Und dass Menschen mit geschlossenen Herzen uns weh tun. Schlimmer noch, wenn sie zur eigenen Familie gehören.

Sich dem wirklich zu stellen, ist die Hölle. Das Herz wird bluten und keinen Trost finden, bis es leer geweint ist. Genau das wäre die richtige Psycho-Hygiene. Genau dafür lässt uns das Leben hier keine Zeit. Und wir haben große Angst vor diesen starken Gefühlen und davor, im Verarbeiten unterzugehen und zu versagen.

Täglich nehme ich mir gegen alle Widerstände diese Zeit. Tag für Tag für Tag. Und das tue ich, seitdem ich die wichtigste Entscheidung des Lebens für mein Herz getroffen habe. Solange sich diese Gesellschaft nicht ändert, indem wir sie ändern und neue Werte schaffen, wird das jeden Tag wieder eine mühsame, konfliktreiche Entscheidung bleiben.

Für mich ist es nicht leicht, das geschlossene Herz und den Zombie, den es aus dem Menschen macht, zu akzeptieren. Insbesondere dann nicht, wenn ich jemanden ins eigene Herz geschlossen habe. Doch ich respektiere das Gesetz, dass diese Entscheidung des Lebens jeder für sich allein trifft. Und so muss ich mit den Herzschmerzen leben, die ich in Gegenwart von Menschen mit geschlossenem Herzen empfinde.  Weil ich meine Gefühle eben nicht abschalten will. 

Ich wünsche ihm Glück. Seinen Weg kann ich ihm nicht abnehmen. Ich wünsche ihm, dass er irgendwann sich selbst genug vermissen wird, um zu sich und in seinen Körper vollständig zurückkehren zu wollen. Dass er bereit sein wird, durch den Schmerz zu gehen, um von ganzem Herzen mitten im Leben und liebevoll an seinem Leben beteiligt zu sein.

Ansonsten wird sein Körper das Leben eines anderen führen. Und dieses andere Leben wird genau so grau, fahl und fahrig sein, wie ich ihn, mit seinem geschlossenen Herzen, heute erlebe.

Ist das wirklich noch Leben?




 

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