Die Bedeutung des Fühlens

Im Buddhismus ist der Aspekt (der Skandha) des Fühlens mit dem Element Erde verbunden, und nicht, wie im Westen üblich, mit dem Element Wasser. Das ergibt, meinen Erfahrungen gemäß, durchaus Sinn. Wann immer ich den Aspekt des Fühlens anspreche, hat er für mich genau diese, nutzbringende Funktion: Das dezidierte Fühlen erdet mich und mein Denken in die Realität des momentanen Augenblicks.

Diesen Aspekt des Bodenhaftung herstellenden Fühlens zu üben, stabilisiert die Anbindung an mein Herz. Und das Imperium des Herzens, was ich auszubilden wünsche, versteht sich stets als ein Reich, das dem momentan Machbaren zugewandt ist. Im Augenblick wünscht mein Herz, das Bestmögliche zu verwirklichen. Nicht morgen oder in ein paar Jahren. Wenn ich meine gegenwärtigen Erkenntnisse mit meiner augenblicklichen Realität verknüpfen will, prüfe ich fühlend, was praktikabel ist.
Wenn das Herz also jede Theorie und Philosophie eindampft, bis nur noch das übrig ist, was Bezug zu meiner derzeitigen Wirklichkeit hat, so tut es das durch nichts anderes, als zu fühlen, was richtig ist.

Alles das fühlt sich richtig an, was mir reale Anknüpfungspunkte bietet: Ich erkenne meine Umstände, als das, was sie sind, ich erkenne Ressourcen, als das, was sie sind, ich erkenne Handlungsoptionen als das, was sie sind. Und ich spüre den deutlichen Ansatzpunkt, von dem ausgehend ich aktiv handelnd Ursachen für gewünschte Ergebnisse legen kann. Der Aspekt des Fühlens reagiert auf diese Erdung in die relative Wirklichkeit mit Freude, mit dem Wunsch, loszulegen und aktiv zu werden.

Diese bodenständige Option zum Handeln nenne ich  auch Selbstwirksamkeit. Das Fühlen navigiert mich sicher zu diesem Machbaren hin, indem ich ganz genau auf mein Empfinden achte, wenn ich mir verschiedene Situationen vorstelle und  sie geistig durchspiele: Wie empfinde ich mich jetzt, während ich dies oder das tue? Und wie dann,  wenn ich diese Handlung abgeschlossen habe? Was wird sich verändert haben, wenn ich dies durchgeführt habe? Wie fühle ich mich dann?

Das ist für mich kein reines »Brain«-Storming, was auf einer intellektuellen Ebene geschieht, sondern sich immer rückversichert, was mein Körper-Geist-Gefüge bereit ist, zu leisten.

Das Machbare existiert in Abhängigkeit und Wechselwirkung mit dem, was meinem Körper-Geist-Gefüge derzeit möglich ist. Das Gefühl ist die Antwort des Körpers auf die vom Intellekt für möglich gehaltenen Handlungsoptionen. Das Hinterfragen des Gefühls wiederum ist die Antwort des Intellekts auf die vom Körper rückgemeldeten Ressourcen. 

Dieser Abgleich zwischen Körpergefühl und Geist geht so lange hin und her, bis in einem freudigen Empfinden und Klarheit darüber, was zu tun ist, ein Konsens entstanden ist. Und dieser Konsens ist der Startschuss für selbstwirksames Handeln.

Weil das Fühlen, als dem Element Erde zugetan, ein langsamer Prozess ist, bedarf es viel Geduld und Ausdauer, diesen wechselseitigen Dialog zwischen Denken und Fühlen zu Ende zu führen. Ich spreche daher öfter davon, lieber eine Situation auszusitzen, als überstürzt zu handeln. Damit ist das Abwarten gemeint, bis der Konsens zwischen Denken und Fühlen sich anhand innerer Begeisterung und Klarheit über die Handlung zeigt.

Alles, was aus diesem Zustand heraus getan wird, hat Hand und Fuß. Denn es ist zutiefst verknüpft mit dem fühlenden Element Erde und dem denkenden Element Wasser. Ja, das Element Wasser ist im Buddhismus dem Bewusstsein zugeordnet. Alle Handlungen, die aus dem Konsens von Denken und Fühlen entstehen, haben wahrhaftig mit uns, unserem Alltag und dem unmittelbaren Jetzt zu tun.

Für mich ist das Herz symbolisch der Ort, an dem dieser Konsens erzielt wird. Daher erachte ich das Herz als den einzigen Ort, aus dem heraus wir aus erlernter Theorie in aktives Handeln gehen. Wenn jemand seinem Herzen folgt, ist er in meinem Augen absolut in Verbindung zur unmittelbaren Wirklichkeit und dem momentan Machbaren.
Wenn also angenommen wird, dass der Weg im Jetzt entsteht und gegangen werden kann, ist der Aspekt des Fühlens derjenige, der diesen Weg greifbar und gehbar für uns macht.

Dieses Fühlen dessen, was richtig ist, hat also in meiner Definition nicht mit unseren Leidenschaften zu tun, die wir erzogen werden, in gut und schlecht zu unterscheiden. Dieser Aspekt des Fühlens, den ich meine, bildet die wahre Botschaft ab, die in unseren Leidenschaften aufscheint. Das Werten von Leidenschaften in gute und schlechte, erachte ich für diesen Prozess des Erdens als irreführend.

Der Aspekt des Fühlens birgt Wahrheit in sich. Und so steckt in jeder Aggression eine Wahrheit, wie in dem Empfinden von Neid und Eifersucht. Diese sogenannten negativen, übertriebenen Leidenschaften, die es zu überwinden gilt, haben eine ursächlich gesunde Funktion in uns. Die wahre Kunst besteht nur darin, diese Botschaft herausarbeiten zu können. Auch das geschieht in der natürlichen Wechselwirkung zwischen Fühlen und Denken, bis Konsens über zu tätigende, selbstwirksame Veränderung entsteht.

Wenn mich eine Situation also wütend macht, nehme ich mir Zeit dafür, diese Wut zu fühlen. Und dann mit dem distanzierenden Hinterfragen dieser Wut herauszufinden, was mir diese Situation gerade über mein hier und jetzt, meine Ressourcen, meine Möglichkeiten und Bedürfnisse mitteilt. Ich gehe nicht von vornherein davon aus, dass ich gerade böse und schlecht bin, weil ich eine starke Leidenschaft spüre.

Je tiefer ich mir gestatte, meine Wut zu spüren und sie zu hinterfragen, beruhige und erde ich mich in diese Situation hinein. Und im Laufe der Auseinandersetzung damit, verändern sich vielleicht meine Empfindungen. Und ich folge mit dem differenzierenden Blick meines Geistes der Spur, die sie zeichnen.

So kann hinter der Wut sich plötzlich eine Angst oder ein Kummer zeigen. Und dahinter Ohnmacht über eine Situation, der ich mich ausgeliefert fühle oder in der Vergangenheit gefühlt habe. Im Fühlen der Ohnmacht sehe ich mich vielleicht plötzlich als Kind, das noch nicht wusste, wie es mit einer Stress verursachenden Situation entlastend umgehen sollte. Und mit der Einsicht, dass ich heute dieses Kind nicht mehr bin, eröffnen sich neue Möglichkeiten, auf diese Situation, die mich wütend macht, zu reagieren.

Während dieser wechselseitigen Kommunikation zwischen Fühlen und Denken verändert oder verschwindet die sogenannte, negative Leidenschaft. Und stattdessen sehe und spüre ich den selbstwirksamen Handlungsspielraum, den ich hier und jetzt sinnvoll nutzen kann.

Plötzlich löst sich eine stressige, angespannte, innere Situation in Erleichterung auf. Und freudige Entschlossenheit zum aktiven Handeln entsteht. Wenn ich diesem Impuls nun auch handelnd folge, bin ich selbstwirksam.

Eine bisher in mir Dunkelheit verursachende, aus der Vergangenheit stammende, gefühlte Konstellation verschwindet durch mein Handeln allmählich. Vielleicht nicht im ersten Schritt sofort und vollständig. Doch je mehr ich selbstwirksam handele, also bewusst entscheide, wie ich damit umgehe, desto befreiter von dieser emotionalen Bürde fühle ich mich. Die Macht, die diese starke Leidenschaft über mich hatte, ist gebrochen.

Ich erachte diesen Prozess als wirklich nachhaltig wirksam, sofern er aus unserem Herzen heraus initiiert wird. Nur dieser liebevolle, gütige, nicht verurteilende, einander einbeziehende Abgleich zwischen Gefühl und Verstand in uns selbst, zeigt uns die für uns spezifisch wirksame Lösung. Diese Lösung, die wirklich auf unseren, augenblicklich vorhandenen Ressourcen,  unsere Konstitution, Disposition, Ursachen und Umstände Bezug nimmt. Selbstwirksames Handeln ist immer eine ganz auf uns persönlich zugeschnittene, heilsame Tat.

Was für mich gerade hilfreich ist, muss also nicht zwangsläufig für dich in deinem augenblicklichen Leben und Erleben bedeutsam sein. Dein Herz trifft die Wahl, aus einem Sammelsurium möglicher Mittel und Methoden. Solche Mittel und Methoden zu kennen, ist daher notwendig. Aber selbst hier, war mein Herz anhand fühlbarer Hinweise kreativ genug, mir über den Mangel an Kenntnis von Mitteln und Methoden manches Mal hinweg zu helfen.

Dafür ist es unerlässlich, den eigenen Gefühlen zu trauen.

Emotionen als schädliche Leidenschaften abzuwerten, nimmt uns diese Möglichkeit, uns als zu richtigen Lösungen fähig zu erfahren. Diese Fähigkeit zur Selbsthilfe jedoch ist für mich grundlegend für innere Wandlung. Und diese Fähigkeit wiederzuerlangen, ist, meiner Überzeugung nach, ein wichtiges Zwischenziel zur Selbstheilung auf dem Weg zur Befreiung.

Erfahrungen, die Trainer und Coaches in der heutigen, westlichen Welt gesammelt haben, zeigen, dass nur das in uns nachhaltig wirksam wird, wozu wir als Individuum einen persönliche Verbindung herstellen konnten. Wir stellen eine Beziehung niemals nur mit dem Denken allein, sondern ebenso durch Fühlen und aktives Tun her.

Denken, Fühlen, aktives, selbstwirksames Handeln. Nur, wenn diese 3 Aspekte gegeben sind, wird Veränderung möglich.

Jemand, der mir die Fähigkeit zur Selbsthilfe und Selbstwirksamkeit wieder zugänglich macht, ist für mich der beste, gütigste Lehrer. Der mir überlässt, mein Fühlen und Denken nach seiner wahren Absicht zu prüfen und zu hinterfragen. Der mir nicht plakativ vorgibt, was gut und schlecht ist und was ich tun muss, um ein guter Mensch zu sein. Der, mit stringenten Predigten, vielleicht nur Kontrolle über mich erlangen will, jedoch mir nicht wahrhaftig meinen persönlichen Weg zur Befreiung ermöglichen möchte.


Meiner Erfahrung nach wird jedes Fühlen sich am Ende als tief in der Wahrheit verwurzelt zeigen. In der relativen, augenblicklichen, inneren Realität - und, im Empfinden von Erleichterung und Freude, zugleich einen Ausblick auf die endgültige Wirklichkeit eröffnend.

Wir haben die Chance, diesem feinen, goldenen Faden zu folgen, den die Erzählungen in unserem Herzen weben, die aus dem Hinterfragen unseres Fühlens entstehen. Und dieser Weg wird uns, jeden Tag ein selbstwirksames Stück, die Heilung und Vervollkommnung aus dem eigenen Herzen heraus verwirklichen lassen, nach der wir uns so sehnen.

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