Martin Luther und die geistige Freiheit

Da ich vor kurzem erst König August, den Starken, erwähnte, drängt sich mir seit ein paar Tagen noch eine andere historische Persönlichkeit auf, der wir alle und alle Christen weltweit sehr viel zu verdanken haben: Martin Luther.

Viele kennen sicher den Film über ihn, den ich schon mehrmals gesehen habe. Mag man ihn menschlich sehen, wie man will und mag er in Natur und Sprache recht grob gewesen sein, so hat er ein unvergleichlich großzügiges Werk getan: Er übersetze die Bibel erstmals in Umgangssprache und ließ sich weder von Tod noch vom Teufel davon abbringen.


Was der Film in wenigen Sequenzen in Bildern fasst, können wir uns heute, ca. 500 Jahre später nicht mehr vorstellen: Deutschland war ein armes, wildes Land, dass von vielerlei Elend und Krieg gekennzeichnet war. Die Kirche hatte ein starkes Monopol des Wissens, des Reichtums und der (Selbst)Gerechtigkeit inne, allein schon dadurch, dass alles Wissen kodiert war, in der Lateinischen Sprache. Kein Christ konnte sich mit den Grundsätzen des Glaubens selbst auseinandersetzen, wenn er kein Latein konnte. Mal abgesehen davon, dass viele des Lesens gar nicht mächtig waren.

Nun kommt ein Martin Luther auf diese menschenfreundliche, von der Liebe zur Gleichheit allen Lebens getragenen Idee daher und quält sich Jahre seines Lebens mit dem Finden der richtigen Worte herum, um die Bibel für alle lesbar zu machen. Das war damals auch rein semantisch schwierig, denn es gab kein einheitliches Deutsch und keine einheitliche Schreibweise des Deutschen.

Zusätzlich muss er gegen viele Widerstände seitens der Kirchenoberhäupter ankämpfen, denn klar wird schnell, dass die Lesbarkeit der Bibel für alle bedeutet, dass die Kirche vielerorts ihre Allmacht über ihre Schäfchen verlieren wird.

Martin Luther setzte sich durch und schaffte sein Lebenswerk. Mit Hilfe der nur wenige Jahrzehnte später auch in Deutschland entwickelten Kunst, Bücher zu drucken, begann in jenem 16. Jahrhundert eine nie da gewesene Zeit geistiger Freiheit und Selbstbestimmtheit in Deutschland.

In Deutschland werden schon seit Jahrhunderten Maßstäbe gesetzt, die irgendwann weltweit adaptiert wurden. Und angesichts dieser unglaublich reichen und reifen geistigen Tradition verstehe ich nicht, auf welcher archaisch anmutenden Stufe wir uns heute, den Buddhismus betreffend, bewegen.

Ja, Martin Luther kam mir auch deshalb in den Sinn, weil mich die heutige Situation einfach an damals erinnert (wenn auch natürlich in weitaus kleineren Dimensionen, die nicht Millionen von Menschen betrifft):

Da gibt es den buddhistischen Lehrer, der vielleicht Tibeter ist und aufgrund dessen das Monopol des Wissens inne hat. Da gibt es die kodierten, kanonischen Schriften. Da gibt es die treuen Schäfchen, die sich mit dem Wenigen zufrieden geben müssen und glauben müssen, was dieser Geistliche ihnen mitteilt.

Und da gibt es die Übersetzer, wie Martin Luther einer war. Ich weiß, die meisten Übersetzer aus dem Tibetischen orientieren sich lieber an Marpa, der unglaublich Großes für Tibet vollbracht hat. Doch warum in die Ferne schweifen, wenn der gute Martin Luther doch so nahe liegt?


Vielleicht bin ich genau deswegen von der Quellenlage des Buddhismus in Deutschland so enttäuscht. Und hinzu kommt, dass ich sehr idealistisch veranlagt bin. Wenn wir doch über eine so unglaublich reiche Geschichte an Fähigkeiten und Fertigkeiten verfügen, zum Wohle vieler Menschen die Welt zu verändern, warum sind wir in Herzensdingen so kleinlich?

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass ein jeder deutsche Übersetzer, der sich das Tibetische aneignete, dies aus tiefer Liebe zum Buddhismus getan hat. Da ist jede Menge Herzblut dabei. Wann kommt der Moment bei uns allen, die wir den Dharma von Herzen lieben, wo wir bereit sind, diese Liebe wirklich zu teilen? Wo wir sie wegschenken wollen, ohne etwas Konkretes zurück zu erwarten? Wo wir einfach Projekte in die Welt setzen, die allein aus diesem Herzblut genährt werden und uns weder Tod noch Teufel davon abhalten kann, sie umzusetzen? Auch nicht die Berechnungen des Break-Even?

Obwohl so große Geister uns vorangingen - ja, auch in unserer Kultur und nicht nur in Tibet - denken wir immer so engherzig und kleingeistig. Ganz ehrlich: Das sehe ich als Ursache dafür, dass seit Jahrzehnten nichts passiert, was die Übersetzung ins Deutsche betrifft. Irgendwie hat sich halt das Englische durchgesetzt und jeder Übersetzer folgte dieser Spur. Ich finde, damit sollten wir uns auf keinen Fall zufrieden geben, weil dadurch jede Menge Praktizierende ausgeschlossen werden, die des Englischen nicht mächtig sind.

Ich kenne solche Buddhisten. Ich traf im letzten Jahr einen, der den gleichen Wurzellehrer hat, wie ich und schon ein paar Jahre länger praktiziert, als ich. Er sprach davon, dass es ihm nur eingeschränkt möglich ist, Dharma-Belehrungen zu hören oder Bücher zu lesen. Und was nützt es ihm, wenn Gebetstexte auf Englisch verteilt werden, wenn er doch kein Wort versteht? Für ihn macht es auch keinen Sinn, zu einem Lehrer ins Ausland zu fahren, da er sich nicht verständigen kann. Und ich spürte seine Herzschmerzen, dass so viele Möglichkeiten, sein Dharma-Studium zu vertiefen und damit seine Praxis anzureichern, an ihm vorbeigehen.

Ja, diese Genration gibt es, die Englisch noch nicht obligatorisch an der Schule gelernt hat. Die Generation meiner Eltern gehört zum Beispiel auch dazu. Oder auch meine beste Freundin, die nicht aus Deutschland stammt. Sie hat sich immerhin Deutsch schon als Zweitsprache angeeignet und spricht diese inzwischen fließender, als ihre Muttersprache. Sie vermisst deutsche Übersetzungen wichtiger Schriften ebenso schmerzlich.

Was ich für mich gelernt habe, das ist nicht nur, dass wir unseres Glückes Schmied sind, sondern auch der Schmied unserer Motivation. Jede gute Motivation braucht angemessene Vorbilder. Je größer das Vorbild, desto stärker die Zugkraft und der Wille, hart zu arbeiten. Niemandem von uns muss es an guten Vorbildern mangeln. Diese gibt es wohl, nur entscheiden wir selbst täglich, wie tiefgreifend unsere Vereinbarung ist, die wir mit diesem Vorbild aushandeln. Sich ein wenig von der Größe des möglichst großen Vorbilds zu wünschen und sie anzustreben, kann niemandem von uns schaden. Mit falscher Bescheidenheit werden keine großen Dinge erreicht.

Diese Worte muten im erste Moment recht wenig buddhistisch an, doch dies beruht auf einem falschen Verständnis des Egos. Wahrscheinlich merken wir gar nicht, wie wir uns damit stets klein machen und damit sind unsere Ideen klein, ebenso wie die Projekte, die wir anstreben. So hat unsere auf  eine Vision, eine Idee, ein Vorbild ausgerichtete Motivation nicht genug Zugkraft, uns durch alle Schwierigkeiten hindurch zu navigieren und wir geben uns mit dem täglichen Kleinklein zufrieden.

Stellen wir uns mal eine Sekunde vor, was passiert wäre, wenn Martin Luther so kleinlich von seinen Fähigkeiten gedacht hätte...

Ich weiß, dass die Lanze, die ich hier gerade für Großzügigkeit, Freigebigkeit und Fülle breche, vielleicht zu brechen gar nicht (mehr) nötig ist, weil irgendwo jemand schon fleißig dabei ist, dies umzusetzen. Doch so lange ich nichts Greifbares sehen kann, solange sich diese Anstrengungen zum Wohle vieler anderer Menschen, die an Buddhismus Interesse haben, nicht manifestiert haben, bleibe ich die Ruferin.

Vielleicht beruht mein Rufen wiederum auf den Vereinbarungen, die ich mit meinen geistigen Vorbildern regelmäßig wieder neu aushandle: mich in Herzensangelegenheiten nicht mit weniger als dem Großen und Ganzen zufrieden zu geben. Denn nur das Beste ist gut genug.

Und wenn die Grenzen, die aus der Last täglicher Verpflichtungen erwachsen und mir suggerieren wollen, wie klein und unbedeutend ich doch bin, zu eng werden und mir die Luft zum Atmen nehmen wollen, erinnere ich mich: das ist meine innere Bulldogge. Und diese erhält prompt einen Platzverweis.

Jeder trägt in seinem Herzen ein klares Bild von wahrer Größe, die Größe unserer Buddha-Natur. Und mir geht es so, dass ich deprimiert werde, wenn ich mich ausschließlich dem, was das tägliche Leben, die Nachrichten, mein Status quo, meine Lebensumstände, mir suggieren, ergebenen Hauptes beuge. Depression heißt "Druck von außen". Ich bevorzuge da ein anderes Lebensgefühl: "Die Weite im Inneren". Und aus ihr heraus lässt sich viel bewegen und vollbringen.

Ich lebe von diesem anderen Bild von mir und der Welt in meinem Herzen.

Worauf sich Martin Luther wohl gestützt hat, als alle äußeren Umstände gegen ihn waren? Wer kann sich an diese, eine, mir persönlich am nachdrücklichsten in Erinnerung gebliebene, kurze Szene im Film erinnern?

Mit herzlichen Grüßen,
Eure idealistische Ruferin ;-)




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