Kulturelle Integration ermöglichen

Im August war ich in Hamburg, um Seine Heiligkeit den Dalai Lama zu treffen. Und es gab einen sehr einprägsamen Moment, in dem er über für das Verständnis des Abhängigen Enstehens und der Leerheit wichtige Schriften sprach. Er sagte zum deutschen Übersetzer, dass er sich wünschen würde, dass diese ins Deutsche übersetzt würden. Ins Russische wären sie bereits Anfang des 20. Jahrhunderts übersetzt worden. Mit anderen Worten: Für eine deutsche Übersetzung wird es langsam Zeit!

Nein, die beiden Schriften habe ich mir nicht gemerkt, denn dieser Moment löste etwas ganz anderes in mir aus. Die Worte Seiner Heiligkeit knüpften nämlich genau an das an, was mich seit Jahren tief enttäuschte. Und wie das so ist, mit emotionalen Erinnerungen: Diese folgen ihren eigenen Pfaden und eigenen Gesetzen.

Seine Heiligkeit legte damit genau den Finger in die Wunde, nämlich dass es ein tiefes, schwarzes Loch gibt, was die Übersetzung von Dharmaschriften ins Deutsche betrifft. Hier meine ich Quelltexte, weniger Bücher zu Belehrungen, die irgendein Rinpoche zu einem Quelltext gegeben hat. Davon gibt es wenigstens ein paar.

Als Beispiel zum Thema deutsche Übersetzungen sei hier genannt, dass Rosemarie Fuchs bereits in den 80er Jahren eine deutsche Übersetzung des "Mahayana Uttaratantra Shastra" vorgelegt hat, von Arya Maitreya (plus zweier Kommentare dazu, aber mit Quelltext). Erst in den letzten Monaten erschien diese deutsche Übersetzung. Die ebenfalls von ihr vorgelegte englische Version gibt es immerhin seit dem Jahr 2000 - und diese habe ich auch daheim.

Schon Hermann Hesse, Schopenhauer und andere deutsche Dichter und Denker befassten sich Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Buddhismus. Doch gescheite Übersetzungen wichtiger Quellen ins Deutsche gibt es bis heute nicht. Zwar wird teilweise der "Lamrim Chenmo" gelehrt, wie beispielsweise im Tibetischen Zentrum Hamburg, aber auch hierzu gibt es nur die englische Übersetzung, die ich zu Hause stehen habe. Und hier spreche ich nicht einmal von wirklichen, ursprünglichen Quelltexten, sondern von einer Schrift Je Tsongkhapas, der eine spezielle tibetisch-buddhistische Schule begründet hat.
Wenn es um wirklich grundlegende Schriften geht, die sich eben mit dem Abhängigen Entstehen beschäftigen, gibt es nichts auf Deutsch.

Und seit über einem Jahrzehnt frage ich mich, was eigentlich all die Übersetzer den lieben langen Tag machen? Warum gibt es keine Stiftung, die sich genau dies ein Anliegen sein lässt: Grundlegende, im Kanon des tibetischen Buddhismus vor dem Verschwinden bewahrte Grundtexte sorgfältig ins Deutsche zu übertragen und als Bücher notfalls im Eigenverlag zu veröffentlichen? Ich habe das nie verstanden, warum hier keine Initiative ergriffen wird.
Selbst wenn ich sehr oft über die Kultur des tibetischen Buddhismus als nicht kompatibel zur deutschen und westlichen Kultur schreibe, so bin ich mir doch bewusst, dass die Abgeschiedenheit des Landes Tibet eben diesen Vorzug hatte, dass wichtige, buddhistische Quelltexte bewahrt wurden, die anderswo bereits verloren sind. Und anstelle diesen reichen Schatz zum Gegenstand unserer Aufmerksamkeit zu machen, halten wir uns mit dem auf, was ich im letzten Beitrag den "kulturellen Überbau" nannte.

Ich bin Seiner Heiligkeit dankbar, dass er dem deutschen Übersetzer quasi einen Auftrag erteilt hat und hoffe und wünsche sehr, dass er und andere engagierte Übersetzer darauf eingehen werden. Warum nicht einen Teil des erwirtschafteten Überschusses aus der Veranstaltung in Hamburg genau dafür nutzen?

Oft habe ich es bedauert, dass mein Leben aufgrund seiner Eigendynamik gar nicht zuließ, dass ich mich hätte in diese Richtung entwickeln können. Ich habe in mir stets das starke Bedürfnis gespürt, eine gute, buddhistische Basis zu legen und von dieser ausgehend den Buddha-Dharma vernünftig in mein Leben zu integrieren. Ich spürte stets, dass dies hier in Deutschland nur bedingt möglich ist. Deshalb bezeichne ich Deutschland stets als das "abgelegene Grenzland", den Dharma betreffend, von dem im "Lamrim Chenmo" die Rede ist.


Mittlerweile gibt es in Deutschland verschiedene buddhistische Zentren und  Organisationen, die auf eine einige Jahrzehnte zurückreichende Geschichte blicken können. Gerade deshalb verstehe ich diese Betriebsblindheit nicht, mit der sie sich nicht nach außen öffnen, mit dem gesunden Ehrgeiz, nicht nur die in den Satzungen so oft erwähnte "Bewahrung der tibetischen Kultur" zu gewährleisten, sondern ebenfalls buddhistisches Grundwissen nachhaltig allen Deutschen zugänglich zu machen. Doch im Sinne der im letzten Beitrag erwähnten Abschottung nach außen, sind viele Dharmazentren stark mit sich selbst beschäftigt.

Die Vermittlung des buddhistischen Grundwissens ist mir das Wichtigste und Kostbarste. Das Bewahren der Kultur ist weniger wichtig, wie ich finde, denn ich bin nun einmal Deutsche und möchte nicht die tibetische Kultur erlernen und bewahren - die sich ja in solchen Vereinen meistens nur als Bewahren der Monastischen und spirituellen Kultur entpuppt. Ich möchte den Buddha-Dharma verinnerlichen. Punkt. Erst danach spielt es für mich eine Rolle, dass ich mich vielleicht zu einer bestimmten, tibetisch-buddhistischen Schule mehr hingezogen fühle, als zu einer anderen.

Sicher kann ich hier und da Buddhistische Grundlagen studieren, wie mancherorts auch inzwischen an den Unis. Doch ein deutscher Professor, der ein wenig Dharma studiert hat, ist für mich dennoch nicht vergleichbar mit einem buddhistischen Lehrer, der sein Leben mit dem Dharma verbracht hat. Wie erwähnt, halte ich uns in Deutschland noch nicht für so weit fortgeschritten. Und zwar aus jenem, oben erwähnten Grund: Weil die Verfügbarkeit und das tiefe Verständnis der buddhistischen Quellen in Deutschland nicht existiert.


In all diesen Zentren scheint ein Bewusstsein davon nicht präsent zu sein, dass eine sorgfältige Übersetzung wichtiger Quelltexte essentieller von Bedeutung ist, als dass der dortige Residenz-Lama ein Buch mit seinem Namen darauf veröffentlicht, wo er einen Bruchteil irgendeines Quelltextes erklärt. Das ist populär, das verkauft sich leichter, aber zum Vermitteln der Essenz des Buddhismus trägt es nicht bei.

Hier und da kann man Quellen im Abo oder Fernstudium studieren. Doch auch dies finde ich nahezu unverschämt, weshalb ich persönlich davon abgegangen bin, diese monatlichen Studiengebühren irgendeinem Zentrum in den Rachen zu werfen. Ehrlich und ethisch gut fände ich, wenn Quelltexte wirklich in Buchform veröffentlicht werden. Selbst wenn ich aus mangelndem kulturellen Verständnis einiges davon nicht verstehe, so muss ich nicht hunderte von Euro zahlen, um etwas zu lernen. Ich zahle gesunde 40 oder 50 Euro für ein dickes Buch und kann mich damit auseinandersetzen.

Das kann sich fast jeder leisten - und das ist für mich ein wichtiger Punkt: Buddha-Dharma ist in Deutschland nicht etwas für Jedermann. Dharma zu lernen und mit authentischen Lehrern zu praktizieren ist kostspielig und bleibt damit nur einer Klientel zugänglich, die es sich leisten kann. Und dafür habe ich wenig bis kein Verständnis.

 

Um es ganz hart zu sagen: Die meisten buddhistischen Vereine sind nicht so gemeinnützig, wie sie es in ihrer Satzung festgehalten haben. Sie wurschteln größtenteils vor sich hin, um ihren eigenen Status Quo zu bewahren und das Leben und Wirken eines einzelnen Lehrers zu verewigen. Doch die Verantwortung dafür, dass die Quellen des Buddha-Dharma grundlegend bewahrt und gelehrt werden, auf einem guten, sozial verträglichen Niveau, diese übernimmt keiner tiefgründig genug.

Was nützt es mir, wenn in diesen Zentren zwar alle Schriften des Kangyur und Tengyur im tibetischen Original gelagert sind, aber sowieso keiner weiß und versteht was darin steht?

Weil ich die Tage in Dresden war, fällt mir hier König August der Starke ein. Er hat im 18. Jahrhundert viel Geld für Kunstgegenstände ausgegeben, die er entweder neu nach der Mode anfertigen ließ oder auch auf Messen kaufte. Und in seinem Schloss in Dresden ließ er spezielle Räume schaffen, um sie besonders prächtig und ansprechend zu präsentieren.

Jetzt, nachdem endlich das Stadtschloss wieder aufgebaut wurde, sind die seither verbliebenen Kunstgegenstände wieder in die originalgetreu rekonstruierten Räume eingezogen. Und dieser König verfügte, dass diese Räume der Allgemeinheit zugänglich gemacht würden. Er hortete diese Schätze nicht für sich allein, dafür war er viel zu kultiviert und gebildet. Es heißt, er soll über ein Dutzend Sprachen beherrscht haben.

Ich kenne diese Ausstellung noch auch Kindheitstagen, als sie zu Zeiten der DDR noch nicht in ihre ursprünglichen Räume zurück gekehrt war. Ich habe sie sehr geliebt, denn sie ermöglichte mir, mich in die damalige Zeit einzufühlen und mir ein Bild von der Lebensweise von damals zu machen.

Als ich diesmal etliche Stunden lang durch die Räume schritt, trafen in mir die Erinnerungen aus jenen Kindertagen mit meinem heutigen Weltsicht zusammen und ich staunte diesmal darüber, wie weltoffen und kultiviert jener König war. Und wie die Mode mit der Zeit ging, indem selbst die Kultur der Osmanen (Türken), die damals sehr nahe an Europa heranrückten und auch vor Sachsens Toren standen, sich in Kunst und Mode widerzuspiegeln begann.

Wir sind in Europa neugierig genug und darin geübt, in Kommunikation mit anderen Kulturen zu treten. Wir wollen nicht im eigenen, kulturellen Saft schmoren, sondern sind immer bereit, uns weiter zu entwickeln. Kulturelle Integration schließt ein, dass Grenzen verwischen und neue Elemente von beiden Seiten adaptiert werden. So schaffen wir etwas Neues, eine neue Kultur, die eben beides einschließt. Ich glaube, die Tibeter sind darin nicht gerade geübt. Aber wir schon.

Ich wünsche mir daher sehr, dass nun eine Zeit beginnen möge, wo die Integration des Buddhismus stärker in den Fokus sowohl hiesiger Praktizierender als auch tibetisch-buddhistischer Gelehrter treten möge. Dass es nicht mehr vorrangig darum geht, die Praxis der Gebete und Pujas haargenau nachzubilden und tibetische Kultur zu imitieren, als vielmehr sich auf das Wesentliche zu besinnen.


Die Übersetzung der buddhistischen Quelltexte ins Deutsche ist es, die mir schon so viele Jahre fehlt. Und wenn es möglich ist, Stiftungen ins Leben zu rufen, die die Erbauung eines Retreatzentrums ermöglichen, so sollte es ebenfalls machbar sein, eine Stiftung zu gründen, die sich auf die Übersetzung entscheidender Quelltexte ins Deutsche konzentriert. Und damit meine ich nicht unbedingt Schriften einer speziellen Übertragungslinie und ihres Begründers, sondern Quelltexte, die zu einem tiefen Verständnis essentieller Prinzipien und Grundlagen des Buddhismus beitragen. Dies wäre für mich im Sinne des Rimé erst wirklich nicht-sektiererisch.

Ich bin nicht in der glücklichen Lage, dazu allzu viel Praktisches beitragen zu können, doch möchte ich mit diesem Beitrag klar aussprechen, dass das Bedürfnis, die Nachfrage danach ganz sicher vorhanden ist. Nur fehlt dazu das passende Angebot.

Möge daher der Auftrag Seiner Heiligkeit des Dalai Lama umgesetzt werden und möge ein neuer buddhistischer Zeitgeist entstehen, der sich über die Erhaltung der eigenen Übertragungslinie hinaus bewegt und wirklich zu den Quellen zurückkehrt, um dieser der Welt zugänglich zu machen, anstelle diese nur zu horten und für sich selbst zu bewahren. So sei es.






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