In Sicherheit

Die Institutionen, die wir aufbauen, die Strukturen, die wir schaffen, sind immer auf Sicherheit bedacht. So mag es mitunter schon absurd anmuten, dass auch um Lehren, die in uns das Bewusstsein erzeugen wollen, dass letztlich nichts sicher ist, dennoch solche Strukturen entstehen.

Wenn ich auf die Zweifel und Zwiespälte zurückschaue, die mich in den letzten Jahren, den Buddhismus betreffend, begleitet haben, so gruppieren sie sich genau um dieses Paradox: Ich möchte verinnerlichen, was es heißt, die grundlegende Unsicherheit im Leben zu akzeptieren - und zugleich suche ich die Sicherheit.


Sagen wir es so: Ich bin mir bewusst, dass die Freiheit, die ich liebe, nur jenseits von Sicherheit vermittelnden Strukturen und Institutionen zu finden ist. Doch ein Teil von mir sucht dennoch irgendetwas Sicheres. Etwas grundlegend Verlässliches. Etwas, worauf ich mich stützen kann.

Jahr um Jahr schleife und poliere ich meinen Geist, trage Schicht um Schicht ab, löse die zerbröselten Hüllen vermeintlicher Sicherheitsstrukturen ab und nähere mich dem, was ich die Mitte meines Mandalas nenne. Ich weiß, dies ist mein Weg, doch spüre ich jenen Anteil in mir stark aufbegehren, gegen das zunehmende Loslassen aller Sicherheit suggerierender Denkstrukturen.

Was genau dieser Anteil ist, weiß ich nicht so genau. Sollte ich es näher benennen, um davon ein greifbares Bild zu vermitteln, würde ich es das "Körperbewusstsein" nennen. Damit meine ich diesen Anteil in mir, der sich ganz klar als Körper mit Bedürfnissen versteht, der eingebunden ist, in die für das Überleben des Körpers notwendigen kulturellen, gesellschaftlichen und sozialen Grundlagen und Zusammenhänge. Dieser lässt sich nur bedingt transzendieren.

So lebt wohl jeder von uns in gewisser Weise in diesem Zwiespalt, ungebunden und frei im Geiste sein zu wollen und die grundlegende Gebundenheit des Körpers an unüberwindbare Gesetzmäßigkeiten akzeptieren zu müssen.

Stopp, würde vielleicht jemand sagen. So ganz stimmt das nicht, denn es soll ja Yoginis und Yogis und hoch verwirklichte Wesen geben, die selbst diese materiellen Gesetze transzendiert haben und die bewusst für sich selbst entscheiden, wie lange sie diese Existenz noch so beibehalten wollen. Sie sagen irgendwann zu ihren Schülern: Ich sterbe jetzt! Dann zeigen sie noch wundersame Erscheinungen wie Lichtkugeln und Regenbögen und verlassen ihre irdische Hülle.

Für mich war diese Transzendenz noch nicht wirklich erstrebenswert. Ich, als sehr pragmatischer Mensch, frage mich oft, wofür das denn gut sein soll und was daran hilfreich und nützlich ist. Manchmal denke ich sogar, dass dies für die heutige Zeit von geringer Bedeutung ist. Und dass ich es besser fände, ein solcher Yogi bliebe, um uns nicht verwirklichte Menschen an seinen Erfahrungen teilhaben zu lassen. Wie schon im letzten Beitrag erwähnt, halte ich nichts von solchen wunderlichen Dingen, es sei denn, sie ergeben für die fühlenden Wesen einen Nutzen.

Bleiben wir also bei Menschen wie mir, die ihre Buddha-Natur entfalten wollen, ohne diese Welt zu verneinen und ohne ihr den Rücken zu kehren. Bleiben wir bei Menschen, denen es im Herzen wichtig ist, ihre Verantwortung als Mensch für ihr Herz, ihr Leben und jenen, die links und rechts von ihnen sind, zu erfüllen. Und deren Wunsch es ist, sich im Herzen damit sicher zu fühlen.

So ein Mensch, wie du und ich, wendet sich dem Buddhismus im Wunsche zu, sicher zu sein. Sicher darin, was gut und richtig, was heilsam und nützlich ist. Und dieser Mensch braucht zuerst eine verlässliche Grundlage, einen theoretischen Unterbau, die Einführung in grundlegende Gesetze, um sich irgendwann auf deren Grundlage, ein verantwortungs- und sinnvolles Leben aufzubauen. Wenn der Tod diesen Menschen ereilt, möchte er reinen Gewissens und in der Überzeugung sterben, ein gutes und nützliches Leben gelebt zu haben.


Zuerst brauchen wir die sichere Grundlage, die Sicherheit darüber, was anzunehmen und aufzugeben ist, einen guten Lehrer und eine gute Gemeinschaft, die diesen sicheren Rahmen schafft. Letztlich verfolgen alle buddhistischen Einrichtungen dieses Ziel und widmen sich diesem Zweck.

Doch irgendwann kommt der Punkt, wo die sichere Leitstruktur unversehens in so etwas wie Überreglementierung und Kontrollzwang übergeht. Wo man den gesunden Menschenverstand plötzlich zugunsten von etwas aufgibt, dass noch mehr Sicherheit geben soll, und zwar nicht nur im Sinne eines Lehrlings, der irgendwann seinen Meister macht, um dann in die Welt zu ziehen. Sondern ein Sicherheitssystem, das einen begleiten kann, von der Wiege bis zur Bahre.

Mir scheint, als würden wir an einem unbemerkten Punkt in unserem Leben zu gierig werden, nach der Sicherheit. Als würde ein geheimer Schalter in unserem Inneren umgelegt werden, der plötzlich auf Autopilot schaltet und jegliche Eigennavigation und Eigenkontrolle zugunsten eines allgemein gültigen, sicheren Lebenssystems eliminiert. Gerade dies beobachte ich oft in Dharma-Zentren.

Da gibt es einmal die sehr gut angelegten buddhistischen Organisationen, denen es ein Anliegen ist, buddhistisches Basiswissen zu vermitteln. Wie an einer Schule oder einer Universität wäre es hier legitim, sich das Wissen anzueignen und dann seiner Wege zu gehen. Um dieses Wissen in das eigene, mit Wärme, Nähe und Weisheit allen Wesen (auch Nicht-Buddhisten) gegenüber erfülltes Leben zu tragen und damit die Herzessenz des Buddhismus in die Gesellschaft hinein zu verwirklichen.

Dann gibt es die Zentren, wo man wenig lernen, dafür aber mehr meditieren und traditioneller Praxis frönen kann. Und auch hier geht es meiner Meinung nach darum, die inneren Erfahrungen, die man hier machen kann, indem man seinen Alltag mit der Praxis verbindet, wiederum in den Alltag zu tragen. Diese Zentren finde ich persönlich für uns im Westen nicht tiefgründig genug von Nutzen, aber das sei am Rande erwähnt.

Was ich bisher bei allen diesen Zentren und Organisationen beobachten konnte, war ein merkwürdiges Phänomen. Anstelle dass sie letztlich von den Menschen, die dort hingehen, als Orte der Ausrichtung und Verinnerlichung buddhistischen Grundwissens verstanden werden, um damit ihren Alltag buddhistisch auszurichten, beobachte ich diesen einsetzenden Autopiloten.

Der Autopilot schafft Abschottung nach außen und baut Grenzen auf und die eigentliche Mission, Buddhismus mit westlichem Leben zu verbinden, wird vergessen. Stattdessen lebt man in einer Parallelwirklichkeit und distanziert sich mehr und mehr von dieser Gesellschaft, die eine Existenz einer solchen buddhistischen Organisation und eines solchen Zentrums erst möglich macht.

Manch einer richtet nun sein Leben ausschließlich auf die buddhistische Organisation aus und vernachlässigt alles, was das Leben "da draußen" sonst noch zu bieten hat. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit allen Gräben, Brüchen und Zwiespälten, die die Beschäftigung mit beiden Welten mit sich bringen, findet nicht statt. Man versucht sich nun, im buddhistischen Verein vor dem unmöglichen, verachtenswerten, westlichen Leben "da draußen" vollends in Sicherheit zu bringen. Ein solcher Buddhist ist als wertvoller, sinnorientierter und bereichernder Mensch für den Rest der Gesellschaft verloren.


So frage ich Euch: Wie soll sich die zu stark konsumgesteuerte, sinnlose westliche Welt, die von so vielen Buddhisten abgelehnt wird, sich so jemals in eine bessere, mitfühlendere und genügsame Gesellschaft wandeln?

Obwohl ich Respekt vor jenen haben, die sich entscheiden, Nonne oder Mönche zu werden, erachte ich diesen Weg für mich persönlich nicht als zeitgemäß. Allzu oft erscheint es mir so, als wollte man damit nichts anderes bezwecken, als sich vor diesem Leben in der westlichen Welt und ihren Herausforderungen in Sicherheit bringen. In die warme Sicherheit, das richtige Leben zu führen, während das Leben "da draußen" eben falsch ist.

Wenn buddhistische Organisationen sich daher beginnen, in die eigene Wahrheit von richtig und falsch einzuspinnen, wie die Raupe in ihren Kokon, erlischt für mich die grundlegende Intention und grundlegender Nützlichkeit buddhistischen Wissens für die Gesellschaft, in der ich lebe. Und diese Sicht habe ich in der Tat von Nicht-Buddhisten in früheren Jahren sehr häufig gehört: Dass buddhistische Praktizierende häufig egoistisch und nur auf sich selbst bedacht wirken, als wirklich hilfsbereit und offen für andere.


In Zeiten, als ich mich genauso intensiv, wie oben beschriebene Praktizierende in Sicherheit bringen wollte, hatte ich für diese Sicht kein Verständnis. Ich dachte immer: Ich praktiziere doch die ganze Zeit für das Wohl aller Wesen. Wieso soll das egoistisch sein?

Temporär ist die Wirkung einer solchen Praxis, die sich abschottet und aus der Gesellschaft zurückzieht, tatsächlich sehr selbstzentriert. Heute sehe ich das ähnlich, nach 15 Jahren Praxis. Und daher ist es mir heute unbedingt wichtig, einen Weg zu finden, wie ich aus meiner buddhistischen Weltsicht heraus auch hier und heute etwas Positives in diese Gesellschaft hinein tragen kann. Und nicht egoistisch vor mich hin zu praktizieren und dann womöglich wunderwirksam meinen Körper zu verlassen.

Damals, in Tibet, war das Mönchstum die prägende, gesellschaftliche Struktur. Vielleicht war sie sogar so vereinnahmend, dass sie teilweise die eigentliche tibetische Kultur in den Hintergrund drängte. Tibet ohne rot berobte Mönche - wer kann sich das vorstellen? Genau, die Antwort ist: Niemand!

Und sich dies zu vergegenwärtigen und in Umkehrschluss auf die heutige Welt und westliche Kultur zu beziehen, ist zwingend notwendig: Diese gesellschaftlich prägende Struktur des traditionell gelebten, tibetischen Buddhismus können wir in unsere heutige Gesellschaft nicht übernehmen. Meiner Meinung nach funktioniert das nicht und sollte gar nicht funktionieren. Hier sind die Ordinierten und Vollzeit-Yogis die Minderheit und ihre Regeln und Bedürfnisse sollten daher nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.


Dass ich das einmal so klar aussprechen würde, hätte ich vor zehn Jahren nicht für möglich gehalten. Je klarer mir im Laufe der Jahre wurde, dass eben diese aus Tibet überlieferte gesellschaftliche und kulturelle Struktur mit meinem westlichen Alltag nicht kompatibel ist, verabschiedete ich mich von diesem in dieser Gesellschaft übertrieben zu sehenden Überhöhung des Lebens in Robe.

Um ganz ehrlich zu sein, sehe ich gar keinen Grund, jemandem ein Leben im Stile traditionellem, tibetischen Mönchstums zu finanzieren, wenn ich im Gegenzug von jenem Vollzeit-Praktizierenden keine spirituelle Hilfe für meinen westlichen Alltag erwarten kann. Alles ist ein Geben und Nehmen und  im Moment sehe ich da ein Missverhältnis zwischen dem Geben und dem, was ich hier und jetzt dafür Nützliches zurück bekomme. Hier müssen neue Lebensformen und Modelle her, damit sie mich auf Dauer überzeugen können.

Aufgrund meiner inneren und äußeren Interaktion mit dem tibetischen Buddhismus also, habe ich mich letztlich immer dagegen entschieden, die Sicherheit einer buddhistischen Organisation oder eines buddhistischen Zentrums aufzusuchen. Immer kam ich zu dem Schluss, dass es inkonsequent und nicht erfüllend ist, den Buddhismus in einem Paralleluniversum zu meinem sonstigen Leben zu leben. Oder gar ganz in das Paralleluniversum "buddhistische Ordination" abzutauchen.

Ich finde es schmerzhaft, zwei Leben zu leben und in jeder Dimension einen Teil auszublenden. Ich möchte so viel wie möglich des Lebens, wie es sich mir heute zeigt, integrieren, vereinen und alle Dimensionen mit meinem Geist durchdringen. Ich kann nicht einerseits meine Buddha-Natur befreien wollen und sie dann nur in eine Dimension und in einen abgegrenzten Rahmen meines Seins einbeziehen und ausleben. Das Herz will nicht ständig zweierlei Sprachen sprechen.

Und die Verdienste, die ich sammle, indem ich mich liebevoll um einen Nicht-Buddhisten kümmere, will ich auch nicht dem Dienen an meinem Lama als nachgeordnet - also als weniger wertvoll - betrachten. Das wäre für mich unethisch. Daher reagiere ich sehr verärgert, wenn mir ein Lama erzählen will, dass es heilsamer ist, in einem Dharmazentrum dies oder das zu tun, als dass ich es "draußen" tue. Ich persönlich finde es wesentlich verdienstreicher, einem guten, sozialen Projekt etwas zu spenden, als ständig für Ritualgegenstände für ein Zentrum oder persönlicher Wünsche und Ansinnen eines Lamas.



Mal Hand aufs Herz: Dieses Aufwerten der Verdienste für ein Dharma-Zentrum scheint mir nicht mehr als eine schlaue Sicherheits-Strategie zu sein, die dieser Dharma-Organisation wie im alten Tibet das Überleben sichern soll. Nicht mehr und nicht weniger. Und dessen will ich mir bewusst bleiben.

Jede Gesellschaftsform verfügt über ausgereifte Mechanismen, das eigene Überleben zu sichern und einige tibetisch-buddhistische Lehrsätze dienten in einer Gesellschaft, die mehr Menschen in Klöstern ernährte, als anderswo, einfach nur der Absicherung. Und auch diese basierten auf nichts anderem, als dem Wunsch, den eigenen Körper zu bewahren. Sie entsprangen einst jenen inneren Mechanismen des Körperbewusstseins, das man auch gerne mit dem Ego gleichsetzen kann.

Solange wir Buddhisten nicht aufhören, allzu hochnäsig zwischen unseren Gurus, Lamas, Dharmageschwistern und dem ganz normalen Menschen "da draußen" Unterschiede zu machen, wird der Dharma in unseren Herzen und in unserer Welt nicht wirklich nachhaltig Fuß fassen. Auch hier sollten wir lernen, genauer zu übersetzen und den sozialen und kulturellen "Überbau" von der eigentlichen Essenz des Buddhismus zu trennen. Hier geht es also nicht um das wortwörtliche oder sinngemäße Übersetzen der Schriften, sondern um ein wirkliches, authentisches Transponieren des Essentiellen in die heutige Zeit.

Wir sollten uns ab und an bewusst machen, wie wenig Gurus, Lamas und Dharmageschwister es in unserer Kultur gibt und wie unendlich viele andere, nicht-buddhistische Wesen und Menschen. Ich finde, dass wir Buddhisten teilweise ziemlich arrogant sind und uns zu sehr auf unsere erlesenen, buddhistischen Kreise beschränken. Und das kann nicht im Sinne Buddhas sein.


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