In wilder Jagd über die Steppe

Als ich mich heute morgen auf mein Meditationskissen setzte und die Augen schloss, zuckte ich heftig zusammen. Es dauerte keine Sekunde, bis ich dumpfen Hufschlag vieler Pferde hörte. Und plötzlich sah und fühlte ich, dass ich im rasenden Galopp über die Steppe jagte. Ich schmeckte einen kurzen Moment dieses heftige Glücksgefühl, mit den anderen Reisenden um die Wette zu reiten...

Ich zuckte zusammen, weil ich damit noch nicht gerechnet hatte. Und ich spürte, wie glücklich, entschlossen und ohne Wiederkehr dieser Aufbruch war. Ich sah die anderen Reiter neben und hinter mir, eine wilde, zielgerichtete Meute. Und ich zuckte erneut zusammen, weil ich plötzlich, in meinem Alltagsbewusstsein auf meinen Meditationskissen, mich angstvoll fragte, welche meiner Freunde wohl mit mir wären. Ich traute mir nicht, genauer in die Gesichter zu schauen, aus Sorge, ich könnte jemanden vermissen, von dem ich inständig gehofft hatte, er wäre bei mir.

Heute morgen blieb mir keine Zeit, mich weiter in diese andere Wirklichkeit meines Seins zu vertiefen, um genauer zu spüren und in mein hiesiges Tagesbewusstsein zu holen, was da auf Ebene meines Herzens konkret passierte.

Doch auf dem Weg zur Arbeit dachte ich darüber nach. Darüber, wie gut ich wohl mein Loslassen in der Tiefe meines Seins vollzogen hatte, dass ich nun bereit war, einfach mit dem, was geschah, mitzugehen. Ohne Einspruch, ohne Anspruch, ohne Erwartung und ohne Festhalten an dem, was ich liebe und wen ich liebe.

Ich dachte daran, wie zutiefst aufrichtig so eine Haltung auch denen gegenüber ist, für die ich im Herzen bis zur letzten Sekunde vor dem Aufbruch gebetet habe. Gebetet, wohlbemerkt, nicht insistiert, forciert, manipulierend erzwungen - ohne Respekt vor deren freien Willen.


Und so spüre ich mittlerweile, nach diesem Reflex der Sorge, wie ich über die Steppe reite, ohne mich länger zu fragen, wer mit mir ist. Die Reise wird es zeigen. Und die Anzahl der Reiter ist wirklich groß. Nie und nimmer kann ich alle in meinem Alltagsbewusstsein kennen. Und wenn es sein soll, werden auch die unter ihnen sein, für die ich manchmal gekämpft und mit denen ich immer mitgefiebert habe.

Worauf ich im Moment Einfluss habe, ist auf mich und meinen Weg. Und wenn die Buddhas auch mit meinen Freunden sind, werden sie ihren Weg finden. Ob mit mir oder ohne mich. Und warum sollten die Buddhas nicht ebenso mit ihnen sein, wie sie mit mir sind? Warum mich also sorgen?

Noch ist nicht Tibetisches Neujahr und noch habe ich das neue Land nicht betreten. Wie angekündigt, ist dieser wilde, zielstrebige Ritt selbst Teil der Vorbereitung. Denn während ich reite, lasse ich weiter los. Und ich spüre, wie ich Meile und Meile zurücklege, über diese unendlich weite Ebene - und wie mit jeder zurückgelegten Meile sich ein Teil meines düsteren, stickigen Kokons von mir absprengt. Ich bin bereit, nach vorn zu schauen.

Und Meter um Meter schält sich ein Teil meines voreingenommenen, uralten Ichs von mir ab.


Zugleich sehe ich, wie sich zart und sacht, jedoch lichtvoll und stark, etwas an mir und meinem Äußeren zu verändern scheint. Je mehr des Kokon, dieser schwere, unbewegliche Harnisch, sich von mir löst, desto klarer schimmert eine neue Rüstung hervor. An jedem vom Kokon frei gewordenen Fleck beginnt sie sich aus Licht zu formen...

Ja, auch dies ist eine Rüstung, doch aus einem ungewöhnlich leichten, biegsamen und dennoch äußerst widerstandsfähigen Material. Es schimmert silbern, bläulich und manchmal einen Hauch goldig. Es ist, als wäre das Material in seinem Farbenspiel lebendig, warm und beständig im Fluss. Darunter tragen wir alle Kleidung aus mitternachtsblauer Seide.  

Alle, alle wandeln wir uns in Wesen des Lichts in dieser uniformen Kleidung. Und obwohl es ein solches Material in dieser Welt nicht gibt, weiß ich, dass dieses Material undurchdringlicher ist, als das härteste Metall, was wir von diesem Planeten kennen... 

Schöne Geschichte, wirst du vielleicht denken. 

Doch nach allen metaphorischen Einträgen, die ich in den letzten Monaten schrieb und die mit der Ankündigung des Holz-Pferd-Jahres begannen, sprach ich von dieser anderen Dimension, in dem mein Herz seine wahre Gestalt manifestiert.

Es spielt keine Rolle, ob du sie für wahr hältst. Es ist nicht wichtig, ob du mir glaubst.

Denn wir reiten so oder so. Auch ohne deine anerkennende Zustimmung. Und ehe wir uns versehen, ist aus den glückselig aufbrechenden Reitern ein wildes Heer entstanden. Lichtvoll, stark, zielstrebig und zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Ob wir wohl in Wahrheit nach Hause reiten?

Ob nun wohl nach langen Leben in Diaspora die Zeit gekommen ist, das eigene, kostbare, edle Reich zu betreten und in Würde unserer nun schon lange brach liegenden Ämter zu walten?

Sind wir womöglich deshalb so glücklich, weil die Zeit dafür nun reif und der Schatz unserer in vielfältigen Existenzen gemachten Erfahrungen groß genug dafür ist?

Ich spüre, wie mir dieses Habitat in Seide und elbengleicher Rüstung ein altes, lang vermisstes Ehrgefühl zurückgibt. Und ein Bewusstsein von Verantwortung für das Privileg, einer der Bewohner und Verwalter eines großartigen Reiches zu sein.


Ich fühle, wie in meine Adern die ersehnte Gewissheit eingeht, meines Amtes und meiner Aufgaben würdig und bereit zu deren Erfüllung zu sein. Und um mir dessen ganz bewusst zu werden, reise ich in jenes Land, jenseits der Berge, was vermutlich mein wahres Zuhause ist.

So, wie ich nicht wirklich wusste, dass ich heute reisen würde, so weiß ich dennoch wenig, was als nächstes kommt. Und das Wissen über dieses ehrenwerte Volk, mit dem gemeinsam ich nun und in freudiger Erwartung über die Steppe fege, auf unseren treuen, selbstbestimmten Pferden, ist noch nicht in mein Tagesbewusstsein zurückgekehrt. Doch gut und voller Leben fühlt es sich an.

Dankbar bin ich, der Führung, die mir bis hierher den Weg wies. Dankbar bin ich meinen eigenen Erfahrungen, die mich mit reichlich Sturheit und Geduld gesegnet haben. Und gespannt bin ich, wie es nun weiter geht.

Dir, mein Freund, möchte ich sagen, dass ich keine Ahnung habe, wie es mit dir weiter geht. Das wusste ich noch nie, wenngleich ich in der Tiefe deines Herzens immer den speziellen Samen sah, der uns ins Herz gelegt wurde, kurz bevor wir unsere Heimat verließen. Dieser Samen ist keimfähig. Schon immer. Und ich vermute, dass wir erst dann wieder heimkehren, wenn aus ihm ein munter austreibender Sprößling zu erwachen beginnt.

Wir kehren auch nicht in das Land jenseits und über den Bergen zurück, um daheim zu bleiben. Nein. Diesmal wird es ganz anders sein: Wir kehren zurück, um all das Gute dieses besonderen Reiches in die Welt zu tragen. Und so allmählich alle, die es wollen, zu Bewohnern dieses ehrwürdigen Landes zu machen. Und weil wir im Herzen um das Edle, Großmütige, Gerechte und zutiefst Menschliche dieses speziellen Staates wissen, werden wir nichts lieber und freiwilliger tun, als unser Reich, mit allen, die es wollen, großzügig zu teilen.

Nur du weißt, wie es um den Keim deines Herzens und den Kokon darum herum bestellt ist. Und nur du kannst entscheiden, wo du hin willst. Maßgeblich für deinen Weg ist nicht, dass ich dich von dort schon so überaus gut und herzlich kenne. Wichtig ist nicht, dass ich deshalb voller guter Wünsche für dich bin.

Wichtig ist dies: Nur du weißt tief im Herzen wirklich, ob auch für dich die Zeit gekommen ist, zu reisen.

In tiefem Respekt vor der Saat deines Herzens, 
vor deiner Zeit
deinem Hier und Jetzt
und deiner Entscheidung 
verneige ich mich
zum Willkommen oder Abschied
mit vor der Brust aneinander gelegten Händen
vor dir




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